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Schluss mit der Bevormundung

Das Jugendamt erwartet von mir als Familienhelferin, dass ich die mir zugewiesenen Eltern dazu bringe, selbst für das Wohlergehen ihrer Familie zu sorgen. Oft wird Familienhilfe allerdings zu einer Dauereinrichtung. Oft wird die Erwartung, dass die Familien sich und ihr Leben ändern, nicht erfüllt. Oft wehren sich die Familien gegen die Bevormundung – und oft sind wir Familienhelferinnen frustriert, weil die erhoffte Veränderung ausbleibt.

Ich arbeite als Familienhelferin, aber ich bin zugleich erlebnisorientierte Familientherapeutin und habe daher eine andere Perspektive auf diese Arbeit. Auch als Familientherapeutin geht es mir darum, Veränderung zu ermöglichen. Aber ich bin geprägt von der Haltung von Walter Kempler und Jesper Juul, die davon ausgehen, dass nicht Bevormundung, sondern nur eine gleichwürdige therapeutische Beziehung Veränderung ermöglicht – eine Beziehung, die die Erfahrungen des anderen ernst nimmt und in der die Therapeutin (oder Familienhelferin) eine Vorbildfunktion hat. Wenn ich keine Bereitschaft zu persönlicher Entwicklung zeige, wenn ich keine Verantwortung für mich und meine Gefühle übernehme, dann werden es meine Klienten auch nicht tun. Wenn ich also will, dass sich meine Klienten ändern, dass sie respektvoll mit ihren Partnern und Kindern umgehen, dass sie – wenn nötig – ihre Vergangenheit aufarbeiten und destruktive Muster durch neue Verhaltensweisen ersetzen, dann muss ich respektvoll mit ihnen umgehen, und ihnen durch meine Bereitschaft, eigene Muster zu hinterfragen, Vorbild sein. Diese Aussage wirklich ernst zu nehmen, war jedoch ein langer Weg. Und er begann mit einer Krise. Hier mein Protokoll

Sommer 2016: Nachdenken über die Krise
Seit einiger Zeit mache ich meine Arbeit mit den vom Jugendamt vermittelten Familien immer leidenschaftsloser. Es ist schwierig für mich, mit Menschen zu arbeiten, von denen ich meine, sie müssten sich dringend ändern, die dann aber doch so bleiben, wie sie sind. Ich habe mich innerlich abgewendet und bin gleichgültig geworden. Ich sitze meine Zeit ab und unterhalte mich nur noch über Belanglosigkeiten wie: "Hausaufgaben gemacht oder nicht". Gleichzeitig tauchen abwertende Gedanken auf: "Wie die schon redet. Wie die aussieht. Wie blöd die ist!"

Eine Zeit lang habe ich mir vorgemacht, dass es ganz in Ordnung sei, so zu arbeiten. Schon bevor ich aus dem Auto gestiegen bin, habe ich innerlich die Entscheidung getroffen, es mir leicht zu machen. Aber nach diesen Terminen fühle ich mich energielos und müde – ganz anders als bei meiner anderen Arbeit als selbständige Familientherapeutin. Wieder gerate ich in Versuchung, diesen Umstand auf das "bildungsschwache Klientel" zu schieben, das mir die Jugendämter vermitteln.
Schon während ich das schreibe, erkenne ich den Zusammenhang. Ich verziehe vor Unmut das Gesicht, als hätte ich Zahnschmerzen: Ich bin in die Abwertungsfalle getappt. Abwertung kenne ich aus meiner Ursprungsfamilie. Mein Vater hat oft zu mir gesagt, dass ich zu dumm sei, nichts könne. Wenn ich mich anstrenge, um Veränderung zu ermöglichen, mein Gegenüber aber einfach so weiter macht wie zuvor, dann fühle ich mich wertlos – so wie damals. Und deshalb habe ich die mir zugewiesenen Familien innerlich abgewertet.
Ich weiß, dass ich so nicht weitermachen will. Und ich weiß, dass ich zuerst an mir arbeiten muss, wenn ich etwas verändern will. Als mir bewusst wird, wie viele Gefühle ich durch die Abwertungsstrategie wegdrücke, nehme ich mir vor, mit diesen Gefühlen zu arbeiten, sie für die Beratungen zu nutzen.

Alte Muster behindern den Neuanfang oder: Wie ich übers Ziel hinausschieße
Frau S. war nicht, wie vereinbart, zum Erstgespräch in einer Tagesklinik erschienen und will jetzt gar nicht mehr dorthin, weil "die total doof waren", obwohl ihre Tochter, O., nur deshalb seit Kurzem auf eine Ganztagsschule geht, damit Frau S. in die Tagesklinik gehen kann. Auch den Ein-Euro-Job, der inhaltlich genau dem entspricht, was sie gelernt hat und gern macht, will Frau S. nicht annehmen, weil es ihr zu unbequem ist, mit dem Bus dorthin zu fahren. Ich konfrontiere sie mit meiner Wut: "Ich kann die Ausreden nicht mehr hören und ich werde auch nicht mehr an O.s Verhalten arbeiten, wenn O. die Einzige ist, die sich hier verändern soll." Und ich setze hinzu: "Ich möchte die Maßnahme beenden, wenn ich keinen Auftrag von Ihnen bekomme." Dann beruhige ich mich etwas und sage sanfter: "Es ist völlig okay, wenn Sie so weiter leben wollen wie bisher. Nur gibt es dann für mich keinen Grund mehr, hier vorbeizukommen".
Während ich allerdings meinte, so schön mit mir im Fluss zu sein, war ich über das Ziel hinausgeschossen. Das Tonband hatte zwar festgehalten, dass meine Stimme am Schluss tatsächlich sanft war, meine Wortwahl war es aber nicht. Bei dem Versuch, etwas Neues zu probieren, war ein anderes altes Muster wieder aufgetaucht: Ich hatte ihr gedroht. "Wenn Sie sich nicht verändern, dann komme ich nicht mehr." Wenn – dann. Das kenne ich nicht nur aus meiner Arbeit. Ich muss mich bei Konflikten noch immer stark darauf konzentrieren, nicht in dieses Muster zurückzufallen: "Wenn du das und das nicht machst, dann...!" Wie oft habe ich das in meiner Kindheit und Schulzeit gehört?
Kurze Zeit später schreibt mir Frau S. auf WhatsApp, dass sie weiterhin Familienhilfe möchte. Als ich zum nächsten Termin komme, bin ich nervös: "Ich möchte zu unserem letzten Gespräch gerne noch etwas sagen. Ich bin unzufrieden mit mir, weil ich gesagt habe, dass ich die Familienhilfe nur weiterlaufen lasse, wenn Sie sich verändern. Was ich zu sagen hatte, hätte ich auch ohne wenn – dann sagen können. Manchmal, wenn ich mich aufrege, gerate ich wieder in dieses alte Muster. Das tut mir leid."
Frau S.: "Ja, da sind Sie in ihr altes Muster gefallen, wie ich auch manchmal."

Gleichwürdigkeit herstellen: Gespräch mit Frau N.
Bei Frau N. hatte ich schon vor längerer Zeit begonnen, meine Zeit abzusitzen, weil sie auf mein Feedback zu ihrem Verhalten nicht reagiert und ihr Verhalten auch nicht geändert hatte. Das wollte ich jetzt ändern. Ich sage ihr, dass ich nachgedacht habe, weil mir aufgefallen sei, dass ich ihr in der letzten Zeit viele Erziehungstipps gegeben habe, auf die sie nur mit "ja, ja" reagiert, aber keinen einzigen Tipp umgesetzt habe. Frau N. reagiert nervös: "Ja, ich hatte halt Kopfschmerzen und außerdem kann ich das ja immer noch machen."
Ich: "So meine ich das gar nicht. Es kann ja sein, dass das nur meine Wünsche und Ideen waren, und gar nicht Ihre. Sie wirken nämlich in der letzten Zeit sehr zufrieden und glücklich".
Sie (lächelt): "Ja, das stimmt auch, eigentlich will ich das gar nicht so machen."

Die Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört: Gespräch mit Familie P.
Die Tochter von Familie P. soll in eine Ganztagsschule, das ist auch die Vorgabe vom Jugendamt, weil die Mutter drogenabhängig war und die Tochter keinen geregelten Tagesablauf hatte, häufig bei Freunden, einer Tante oder den Großeltern gewohnt hat. Jetzt lebt die Mutter allerdings seit längerer Zeit drogenfrei, sie hat einen Partner, eine Wohnung und einen Arbeitsplatz. In unserem Gespräch wird deutlich, dass die Eltern die Tochter gar nicht in die Ganztagsschule geben wollen. Zunächst erklären sie, sie hätten kein Geld, doch auf meine Nachfrage, ob das nicht eher eine Frage der Prioritäten sei, entgegnen sie, dass es ja auch ohne die Ganztagsschule gehe.
Ich sage, dass ich Frau C. vom Jugendamt darüber informieren muss, weil ich Familie P. im Rahmen eines Zwangskontextes betreue, also eine vom Jugendamt installierte Familienhilfe bei anstehender Inobhutnahme. Das bedeutet, dass ich die Familie nicht nur begleite, sondern auch einen Kontrollauftrag habe.

Mutter: "Und was passiert dann?"

Ich: "Sie haben doch das Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht für Ihre Tochter. Ich rufe morgen Frau C. an und informiere sie. Und wenn sie darauf besteht, sage ich Ihnen Bescheid. Zur Not können Sie Ihre Tochter dann immer noch für die Ganztagsschule anmelden."
Ich kann gut aushalten, dass die Familie entscheidet, wie sie es für richtig hält und nicht das macht, was ich für besser halte. Meine Verantwortung ist, dass ich meinen Standpunkt klar vertrete. Was die Eltern dann damit machen, ist ihre Verantwortung, und die Transparenz gegenüber dem Jugendamt gewährt den Schutz des Kindeswohls.

Mit all meinen Gefühlen präsent: Gespräch mit Frau E.
In einem Gespräch erzählt Frau E. von Schwierigkeiten mit ihrem Sohn. Sie kann nicht "Nein" sagen. Ich merke, dass ich kaum folgen kann. Stattdessen bin ich damit beschäftigt, zu überlegen, ob ich Alkohol bei ihr gerochen habe. Ich merke, dass ich sie einfach erzählen lasse, und manchmal nur deshalb etwas sage oder frage, um sie am Reden zu halten. "Frau E., ich möchte Sie unterbrechen. Ich dachte eben, dass ich Alkohol bei Ihnen rieche. Jetzt bin ich die ganze Zeit mit diesem Gedanken beschäftigt und möchte ihn aussprechen, weil ich mich sonst nicht mehr auf Sie konzentrieren kann." Darf man solche Gedanken überhaupt aussprechen? Walter Kempler, einer der Begründer der erlebnisorientierten Familientherapie, betont, dass es für ihn nicht wichtig ist, ob er solche Gefühle oder Gedanken haben sollte, sondern nur, ob er sie hat; dass es nicht wichtig ist, ob er als grausam angesehen wird, wenn er offen sagt, was er in einer Sitzung erlebt, sondern nur wichtig ist, ob es für ihn notwendig ist, es offen zu sagen, weil er sonst damit beschäftigt wäre, den Gedanken wegzudrängen – und sich damit dem Gegenüber als präsenter Gesprächspartner entziehen würde.
Frau E. entgegnet: "Nein, ich habe gar nichts getrunken, meine Mutter war Alkoholikerin."
Ihr jetziger Mann ist auch Alkoholiker. Ich bin sofort wieder präsent, und ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich eine gute Beratung.

Nicht weiterwissen ist nicht das Ende: Gespräch mit Familie U.
Frau und Herr U. haben zwei Töchter und waren beide drogenabhängig. Jetzt leben sie getrennt. Frau U. hat eine Drogentherapie gemacht, Herr U. nicht, aber auch er konsumiert keine Drogen mehr. Frau U. und die Kinder wünschen sich, dass Herr U. mehr Zeit mit den Kindern verbringt. Er sagt, er habe dafür nicht genug Geld.

Ich: "Ich frage mich, ob Sie tatsächlich meinen, dass Sie Geld brauchen, um mit Ihren Kindern Zeit zu verbringen, oder ob das Ausreden sind?"

Sie: "Ich würde Dir ja auch Essen für die Kinder mitgeben oder Getränke für den Spielplatz, aber ich will Dir nicht alles hinterhertragen. Die Initiative soll von Dir kommen."
Er: "Ja, Du hast mal Essen mitgegeben, aber schon länger nicht mehr".

Sie: "Weil ich Dir nicht alles hinterhertragen möchte".

Er: "Hm." (Schweigen.)

Ich: "Ich weiß auch nicht weiter. Ich erlebe, wie Sie, Frau U., sich bemühen, Ihren Ex-Partner in Bewegung zu bringen, und mir fällt es schwer, nicht ins gleiche Horn zu blasen. Ich glaube aber, dass das nichts bringt. Wenn für Herrn U. alles in Ordnung ist, so wie es ist, dann sehe ich nur die Möglichkeit für Sie, Frau U., an sich zu arbeiten und zu schauen, wie Sie trotzdem ein gutes Leben mit Ihren Kindern haben können."

Sie: "Dann sieht er seine Kinder gar nicht mehr."

"Ja", sage ich, "das kann sein. Und diesen Schmerz müssen Sie und Ihre Kinder dann aushalten."

Gleichwürdige Beziehungen
Begonnen hatte alles damit, dass ich frustriert war und mich innerlich abgewendet hatte, wenn sich meine Klienten nicht verändern wollten. Jetzt weiß ich, dass meine Verantwortung nicht darin besteht, die anderen durch Vorschriften und Bevormundung zu verändern, sondern darin, die Beziehung zu ihnen so zu gestalten, dass Veränderung möglich ist. Das bedeutet zunächst, meine Gefühle und Einschätzungen möglichst ehrlich mitzuteilen und von den Klienten Rückmeldung dazu zu fordern – auch und gerade wenn ich damit unbequem bin. Seit ich diese innere Klarheit gewonnen habe, kann ich besser aushalten, wenn meine Klienten anders leben, als ich es gut finde.
Gleichzeitig will ich natürlich Veränderung. Doch gerade weil ich in einem Zwangskontext wie der verordneten Familienhilfe Veränderung herbeiführen will, ist diese Einsicht in die Gleichwürdigkeit (nicht Gleichberechtigung!) der Beziehung und die Grenzen der eigenen Verantwortlichkeit wichtig. Denn die Familien, die mir das Jugendamt vermittelt, müssen mich in ihre Wohnung und in ihr Leben lassen – ob sie wollen oder nicht. Wenn ich sie dann bevormunde, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass sie versuchen, sich zu schützen – und sich gegen Veränderung sperren. Eigentlich geht es jedoch darum, ihre Integrität zu stärken, ihnen und ihrer Lebenssituation in einer gleichwürdigen Beziehung, trotz allem, Respekt und Achtung entgegenzubringen. Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass Gleichwürdigkeit viel eher nachhaltige Veränderung ermöglicht als Bevormundung. Der Mut zu einem ehrlichen "Nein" anstelle eines ausweichenden "Ja, ja", dem dann doch keine Handlung folgt, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Gleiches gilt für die Anerkennung der Realität, auch wenn sie schmerzhaft ist. Solche Entwicklungsschritte schaffen belastete Familien eher, wenn ich als Vorbild agiere.
Im besten Fall profitieren sowohl Klienten als auch Familienhelferinnen von der Zusammenarbeit. In meinem Fall ist das so. Ich habe gelernt, meine Gefühle nicht mehr zu unterdrücken, meine Klienten nicht mehr abzuwerten, und ich habe wieder Freude an meiner Arbeit. Und die gewonnenen Einsichten sind für mich zu einer Burnout-Prophylaxe geworden.
Die Familiengeschichten sind so weit abgewandelt, dass eine Rückverfolgung nicht möglich ist.


- Tanja Göttmann -

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